Logo General Anzeiger
www.general-anzeiger-bonn.de

Kommentar am 21.3.2007

Auf dem Prüfstand

Von Stephan Lüke

Vernor Muñoz stammt aus Costa Rica. Schon deshalb ist der UN-Sonderberichterstatter über jeden Verdacht erhaben, parteigefärbte Ideologien zu vertreten. Ihm geht es um Menschen, um Kinder, um ihr Recht auf Bildung. Das wird, so fand er heraus, hierzulande oft verletzt. Leidtragende sind unter anderem Flüchtlingskinder, die oft kein formelles Recht haben, Schulen zu besuchen.

Am übelsten aber wird, so beklagt Muñoz, jenen mitgespielt, die zur Sonderschule geschickt werden. Wo einst vornehmlich Behinderte landeten, finden sich heute auch Verhaltensauffällige, Lernbehinderte, Schulmüde und Hochbegabte wieder. Die Sonderschule wird zum Sammelbecken für jene, mit denen "normale" Schulen nicht mehr zurechtkommen. Dabei glaubt kaum noch jemand an die Mär, auf der Sonderschule könne man diesen Kindern Gutes tun.

Wissenschaftler der Uni Bielefeld oder der Hamburger Bildungsforscher Hans Wocken haben herausgefunden, wie sich Kinder dort intellektuell entwickeln. Das Ergebnis ist erschreckend: Sonderschulen fördern nicht, sie machen, von rühmlichen Ausnahmen abgesehen und trotz engagierter Pädagogen, dümmer. Nur selten sind sie ein Schonraum, meist eine geschlossene Abteilung. Isolation und Ausgrenzung bilden kein gutes Lernklima.

Doch die Sonder- und Förderschulen sind nur ein Spiegelbild unseres antiquierten Schulsystems, zu dessen Opfern besonders sozial Benachteiligte zählen. Noch immer erlaubt sich Deutschland, seine Kinder im Alter von zehn Jahren in Schubladen zu packen. Hier die Guten (Gymnasium), da die weniger Guten (Gesamt- und Realschule), dort der schwierige Rest (Haupt- und Sonderschule). Ohne Gewähr für die Richtigkeit der Sortierung. Kein Wunder, meint der Bildungsexperte aus Mittelamerika. Schließlich seien die Pädagogen für die Beurteilung nicht qualifiziert.

Diese Schulstruktur, sagt Munoz, gehört dringend auf den Prüfstand. Solche Sätze hören viele deutsche Politiker nicht gern. Sie attackieren den Beobachter, stellen seine Methoden infrage, werden polemisch. Der Trend zum Schönreden ist seit Monaten zu beobachten. Wer kritisiert, macht sich unbeliebt. PISA-Koordinator Andreas Schleicher hat es erlebt. Wie er wird aber auch Muñoz weiter auf die Mängel hinweisen. In der Hoffnung, dass steter Tropfen den deutschen Stein höhlt.

Doch noch scheuen insbesondere konservativ geführte Bundesländer die Diskussion über das vielgliedrige Schulsystem. Das gilt auch für Nordrhein-Westfalen. Rigoros erstickt Ministerpräsident Jürgen Rüttgers Ansätze des Nachdenkens über längeres gemeinsames Lernen im Keim. Selbst die Opposition traut sich nur zaghaft aus den Startlöchern.

Dass die Sozialdemokraten sechs Jahre gemeinsames Lernen zu Beginn der Schulzeit anstreben, ist ebenso ein kleiner Fortschritt wie das Ziel, Kinder anschließend an ihrer Schule und mit "ihren" vertrauten Pädagogen weiter leben und arbeiten zu lassen. Den Kommunen aber die Verantwortung zuzuschieben, welche Schulformen sie ab Klasse sieben anbieten, offenbart Angst vor eigener Courage. Es scheint, jedem (Wähler) soll etwas geboten werden. Die Rechnung kann nicht aufgehen.

Quelle: Generalanzeiger online am 21.3.2007
                                                          

[ Start | Aktuelles | Suche | Übersicht | Kontakt ]
                                    aktualisiert 2007-3-21