Gudrun Pausewang: Die Wolke
Rezension von Michael Gruber
Inhalt
Als plötzlich mitten im Unterricht Alarm gegeben wird, weiß keiner so recht, was jetzt los ist. Die meisten halten es für einen Scherz oder einen Probealarm. Doch bald sickert durch, daß im Kernkraftwerk Grafenrheinfeld, das ca 80 km entfernt ist, ein Unfall passiert sein muß und im gesamten Gebiet ABC Alarm gegeben wurde. Janna-Berta, ein fünfzehn-jährigen Mädchen hat Glück, mit einem Bekannten in ihren Heimatort mitfahren zu können, denn ein Schulbus wäre nicht gefahren. Auf den Straßen ist schon deutlich eine Unruhe zu spüren, es gibt die ersten Staus und Menschen hasten umher - die Panik liegt in der Luft. Janna-Berta ist für diese zwei Tage alleine zu Hause und muß auf ihren kleinen Bruder Uli aufpassen. Ihre Eltern sind in Schweinfurt, das direkt neben Grafenrheinfeld liegt. Janna-Berta ahnt Furchtbares und läuft nach Hause, wo Uli schon wartet und sich freut, daß er schulfrei hat. Im Radio hört Janna-Berta die erste fundierte Meldung über den KKW Unfall und ihr wird das Ausmaß klar. Alle Nachbarn packen ein und verlassen den kleinen Ort. Janna-Berta beschließt, den Keller einzurichten und dort abzuwarten, wie es im Radio empfohlen wird. Die Mutter ruft aus Schweinfurt an und sagt Janna-Berta, daß sie unbedingt mit Uli verschwinden muß, weil die Wolke mit dem nukearen Staub direkt auf sie zukommt und der Keller nicht sicher ist. Janna-Berta packt kurzerhand ein paar Sachen und fährt mit Uli mit dem Rad davon. Sie hat Schwierigkeiten, ihn von dem Ernst der Lage zu überzeugen, z.B. daß man den Wellensittich nicht mitnehmen kann.
Es stellt sich heraus, daß es eine gute Entscheidung war, mit dem Rad zu fahren, denn auf alles Straßen herrscht Stau und Chaos. Sie kommen in die Nähe der Stadt, von der sie hoffen, einen Zug aus dem Gebiet zu bekommen. Uli wird bei einem Verkehrsunfall getötet und ab diesem Zeitpunkt fällt Janna-Berta in eine Lethargie, ihr ist alles egal. Irgend eine Familie nimmt sie mit zum Bahnhof, der von der Polizei schon abgesperrt ist. Die Familie klettert über eine Mauer, verliert sich aber bald und Janna-Berta flüchtet vor den Massen von Menschen, die alle um ihr Leben bangen. Ihr Schicksal ist nichts wert, daß Uli tot ist, ist jedem egal. Sie glaubt noch immer daran, daß Uli noch lebt, daß sie ihn einfach nur irgendwo vergessen hat. Sie steht unter Schock und irrt ziellos herum, will zurück zu Uli. Es beginnt zu regnen und sie geht mitten im radioaktiven Wolkenbruch durch die Gegend. Ein anderes Auto bleibt stehen und nimmt sie wieder mit, das Militär hat in der Zwischenzeit schon einen Sperrgürtel um das Gebiet gezogen, die Grenze zu Ostdeutschland ist ebenfalls gesperrt und dort wird sogar auf alle geschossen, die versuchen, trotzdem über die Grenze zu kommen. Irgendwo besteht sie darauf, aussteigen zu dürfen, bricht dort aber bald zusammen und erwacht in einem der Notlazarette, die überall in Schulen und Turnsälen errichtet worden sind. Sie muß oft erbrechen und erfährt bei einem zufällig mitgehörtem Gespräch des Arztes, daß sie im Raum für "leichtere Fälle" liegt, wo "50% reelle Chancen haben". Im Raum liegen fast nur Kinder, sie ist die älteste. Die Nächte sind schwül, lang, vom Geschrei der Kinder und von Angstträumen zerrissen. Sie weigert sich zu sprechen und starrt stundenlang auf die Decke.
Nach dem Besuch eines Ministers verbessern sich die Zustände in dem Notspital und ein Zivildiener macht Dienst, der viele Neuigkeiten hat und auch einen Fernseher organisiert. Das Ausmaß der Katastrophe wird jetzt klar: mehrere Sperrzonen, Evakuierungen im Umkreis von etwa 150 - 200 Km, 15 000 Tote in den ersten Tagen, bis jetzt etwa 18 000 Tote, die die Strahlenkrankheit nicht überlebt haben, Notstand im gesamten Bundesgebiet, Großdemonstrationen gegen AKW´s mit Ausschreitungen in ganz Europa, Forderung nach Entschädigungszahlungen von Nachbarländern, Sammelaktionen. Janna-Bertas Zustand verbessert sich, sie hilft sogar teilweise mit, die anderen Kinder zu betreuen. Der Zivildiener sucht in den Listen des Roten Kreuzes nach Janna-Bertas Familie, traut sich aber nicht zu sagen, daß sie auf der Liste der Toten stehen. Er vertröstet Janna-Berta immer wieder. Ihre Bettnachbarin ist Türkin und sie versteht sich ziemlich gut mit ihr. Nach einer Woche verschlechtert sich der Zustand aller Strahlenkranken plötzlich wieder, Janna-Berta gehen die Haare aus, sie hat Durchfall und Magenschmerzen. Der Zivildiener sammelt von den Einheimischen Mützen und Kappen, mit denen die Kranken ihre Glatzen bedecken können. Ihre Bettnachbarin stirbt in einer Nacht. Weil Janna-Berta auch in der Suchliste steht, kommt bald eine Tante Herta aus Hamburg zu ihr, die Janna-Berta nicht besonders mag. Von ihr erfährt sie, daß ihre Familie tot ist. Janna-Berta wird, nachdem sie sich einigermaßen erholt hat, von Herta aufgenommen und beginnt dort, in die Schule zu gehen. Aber ganz so wie früher ist es nicht. Vor den Geschäften stehen die Leute Schlange, sobald es Lebensmittel aus Übersee gibt, Menschen, die zuviel Platz in ihrer Wohnung haben, müssen Flüchtlinge aus dem verstrahlten Gebiet bei sich aufnehmen. Durch die Glatze ist Janna-Berta eindeutig als Opfer der Katastrophe zu erkennen, die Menschen machen weite Bögen um sie und niemand nähert sich ihr freiwillig, weil sie "strahlt". Aber sie weigert sich, eine Mütze aufzusetzen, weil sie nicht verstecken möchte, das sie jetzt so aussieht. Damit provoziert sie und stößt auf eine noch größere Abwehrhaltung, weil niemand an den Unfall erinnert werden möchte. Janna-Berta will nicht bei Tante Herta bleiben, weil sie sich so eingeengt fühlt und sie sogar nach diesem Unfall immer die Haltung behält. Sie bittet Janna-Berta mehrmals, doch eine Haube aufzusetzen und will ein Geburtstagsfest organisieren. Janna-Berta wird von Almut besucht, eine Verwandte von ihr, die sie sehr gerne hat, und die sie zu sich einlädt, obwohl in ihrer Notunterkunft noch weniger Platz ist. Janna-Berta verläßt die geregelten Verhältnisse, will nicht mehr in die Schule gehen und nichts davon hören, wie sie sich ohne Schulbildung ihre Zukunft vorstelle. Sie fühlt sich richtig wohl bei Almut und Reinhard, die mit Reinhards Vater in der kleinen Wohnung leben und bald zwei Kinder adoptieren. Hier kann sie weinen, wann sie will und auch "scheiße" sagen, so laut sie will, niemand bemitleidet sie und es ist jemand für sie da, wenn sie eine Schulter zum Weinen braucht. Alle arbeiten und organisieren viel an einem Hibakusha-Zentrum, ein Platz, wo sich alle Opfer solidarisieren können. Hibakusha nennen sich alle Opfer des Supergaus, das ist auch der Name, den die Hiroshima-Opfer trugen. Sie sehen einen Wandel der Gesellschaftsstruktur vorher, der in Verstrahlt und Gesund unterteilt und viele Nachteile für die eigentlichen Leidensträger der Katastrophe bringen wird.
Sobald Sperrzone Drei, in der Janna-Bertas Heimatort Schlitz liegt, aufgehoben wird, packt sie ein paar Sachen zusammen, nimmt einen Spaten, und fährt- auch auf die Gefahr hin, daß die Strahlung noch nicht ganz abgeklungen ist, in das Gebiet. Sie sucht Uli, begräbt ihn und fährt zu ihrem Haus. Die Großeltern sind aus Mallorca zurückgekehrt, und sie wissen noch nicht, das Janna-Berta die einzige der Familie ist, die noch lebt. Tante Herta hatte sie in den Briefen angelogen und gesagt, sie seien in einer Spezialklinik, die abgeriegelt sei. Nachdem Opa die Katastrophe aus seinem Blickwinkel verharmlost und den Schäden der deutschen Wirtschaft nachtrauert, beginnt Janna-Berta zu erzählen.
Persönlicher Eindruck
Das Buch lebt vom Beginn an von einer ungeheuren Spannung, die dann ab der Szene im Notspital absackt und dann gegen Ende wieder steigt. Es schildert sehr emotional die Geschichte eines einzelnen Menschen in der maximalen Verwirrung nach einem SuperGAU (GAU = Größter Anzunehmender Unfall). Schicksale, die sonst in der Zeitung stehen, flitzen rastlos vorbei, Gudrun Pausewang malt in grauenhaften Tatsachen. Gezeichnet wird das Bild eines 15 jährigen Mädchens, das sich rastlos duch die allgemeine Panik kämpft und irgendwo landet. Dieses irgendwo ist aber nicht nur örtlich gemeint, sondern sie landet irgendwo in ihrem Leben. Sie weiß nicht, ob ihre Eltern leben, hat keinen Überblick über die Lage im Land, sie weiß nicht, wie es um sie selber steht. Sie steht in der Ungewißheit, nach der Flucht aus dem geregelten Leben ins Chaos. Plötzlich findet sie sich in der Rolle des Flüchtlings wieder, sie muß sich für die Hilfsbereitschaft der anderen bedanken und gerät in eine ihr unangenehme Abhängigkeit. Ihr äußeres Zeichen, das ihr viele Steine in den Weg legt, ist ihr kahler Kopf. Aber sie weigert sich, eine Haube aufzusetzen und das spricht ein wichtiges Symptom jeder Flüchtlingsproblematik an. Nämlich daß niemand freiwillig Flüchtling wird, sondern durch einen äußeren Einfluß dazu gezwungen wird. Plötzlich ist er in der Rolle des Bittstellers und muß dankbar annehmen, was den anderen vom Teller fällt. Janna-Berta wehrt sich dagegen, indem sie der Öffentlichkeit permanent vor Augen führt, das sie zufällig zum Flüchtling geworden ist, nicht aber der Passant auf der Straße. Gleichzeitig drückt sie damit auch aus, daß dieser Unfall jetzt auch totgeschwiegen wird, nach dem Motto: "Machen wir das Beste daraus". "Welches Beste?", fragt Janna-Berta, ihre ganze Familie ist tot. Und alle anderen AKWs im In- und Ausland laufen weiter, denn es hat sich nichts geändert. Man blickt darüber hinweg.
Alle Verwandten von Janna-Berta, die in dem Buch vorkommen, symbolisieren verschiedene Meinungen, die immer wieder zu hören sind. Almut und Reinhard sind die Alternativen, Tante Herta die, die alles Unangenehme vertuschen will, ...
Pädagogisches Arbeiten mit dem Buch
Das Buch ist geeignet für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren. Mit 12jährigen steht noch die Geschichte selber mit ihren Abenteuern im Vordergrund, bei 16jährigen wird das alleine zu wenig sein. Hier kann das Buch zB als emotionaler Einstieg zu dem umfassenden Themenkreis "Atomares Bedrohungsbild" verwendet werden.
Als eine besonders geeignete Methode für dieses Buch bietet sich der genaue Nachvollzug des Geschehens an, weil keine erfundenen Orte in der Erzählung vorkommen. Möglich wäre es, auf einer Landkarte Janna-Bertas Weg von Fulda bis zum Notspital nachzuzeichnen, oder die Entfernung von Grafenrheinfeld bei Schweinfurt, wo das AKW steht, bis Fulda, bzw. Schlitz auszumessen. Ideal wären auch Fotos oder Dias vom AKW oder eine Informationsbroschüre. Hier kann auch gleich eine allgemeine Information über Strahlung eingeknüpft werden, zB daß sie unsichtbar und geruchslos ist, daß es viele Menschen gibt, die sich dagegen wehren und warum sie so gefährlich ist.
Die lebendige Erzählung birgt genügend Potential, um kreativ mit dem Thema und dem Buch umzugehen, sie birgt auch eine starke emotionale Bindung zu dem Thema, die für jegliches Engagement nötige Basis ist. Ein Abrunden des Themas ist zB duch eine Aktion möglich, die zu organisieren nicht nur jede Menge Spaß macht und Erfahrungen mit der Arbeit im Team bringt, sondern vielleicht auch etwas bewirken kann.
Angaben über die Autorin
Gudrun Pausewang wurde 1928 in Wichstadtl, Ostböhmen, geboren, wuchs mit ihren fünf jüngeren Geschwistern dort auf und besuchte in Mährisch-Schönberg das Mädchengymnasium. Nach Kriegsende floh ihre Familie nach Westdeutschland. Sie beendete das Gymnasium in Wiesbaden, studierte am Pädagogischen Institut in Weilburg und unterrichtete an Volksschulen, bis sie Anfang 1956 vom Auswärtigen Amt an die deutsche Auslandsschule in Temuco/Chile entsandt wurde, von wo sie 1961 an eine deutsche Schule in Maracaibo/Venezuela überwechselte. 1963 kehrte sie für vier Jahre nach Deutschland zurück und ging 1968 noch einmal für fünf Jahre nach Kolumbien. Die südamerikanische Landschaft und die Mentalität der Bevölkerung Lateinamerikas motivierten sie 1959 zu ihrem ersten Roman, "Rio Amargo", und zur Novelle "Der Weg nach Tongay". Diesen Werken folgten weitere, die z.T. in Südamerika, z.T. in Deutschland entstanden. 1970 wurde ihr Sohn geboren. Kurz darauf begann Gudrun Pausewang, auch für Kinder zu schreiben: Es entstand eine ganze Reihe von außergewöhnlichen, erfolgreichen Kinderbüchern, die das Engagement der Autorin gegen die Not in den Entwicklungsländern und für den Frieden in sich tragen: z.B. "Die Not der Familie Caldera", "Die letzten Kinder von Schewenborn", "Die Wolke". Gudrun Pausewang wurde verschiedentlich ausgezeichnet, u.a. mit dem "Gustav-Heinemann-Friedenspreis" 1984, dem "Buxtehuder Bullen" 1977 und 1984 und dem "Deutschen Jugendliteraturpreis", den sie 1988 für das Buch "Die Wolke" erhielt.. Ihre Bücher wurden z.T. verfilmt und in mehrere Sprachen übertragen. Sie lebt heute mit ihrem Sohn in Schlitz/Osthessen.
Pressestimmen
Gudrun Pausewangs Bücher setzen vor die Hoffnung die Aufklärung; die Bücher lehren: nur durch Aufklärung realisiert sich das Prinzip Hoffnung. (Dieter Arendt)
Gudrun Pausewang erzählt Zeitgeschichte, schonungslos und mit fast dichterisch zu nennender Subtilität. Sie wird von Jugendlichen höchst aufmerksam gelesen. (Jutta Radel)
Gudrun Pausewangs Buch ist aus einem Guß komponiert: ein konsequent geführter innerer Dialog der Hauptfigur, flott und geistreich geschrieben. (Brigitte über "Einfach abhauen")
Andere Rezensionen des Buchs
Zum Verfasser
Michael Gruber: Michael.Gruber@blackbox.at
Ein Internet-Projekt der Integrierten Gesamtschule Bonn-Beuel Die Wolke bestellen bei ![]()
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Stand: 29.03.1998 Hauptseite Bücherwurm Aktuelles