Clifford Stoll: Die Wüste Internet
Eine Besprechung und auch Stellungnahme
Rezension von Willi van Lück
Clifford Stoll ist ein anerkannter Wissenschaftler und einer der Pioniere des Internet. Er schreibt von sich selbst "ich komme vom Internet nicht mehr los". Und er will es auch gar nicht. "Jeden Tag bin ich aufs neue entzückt beim Lesen der E-Mail von Fremden und Bekannten", sagt er an einer anderen Stelle.
Aber seine Kritik verstört und erregt die Online-Gläubigen sehr heftig. Für sie ist er ein skurriler Intellektueller und Systemgegner, der in einer kalifornischen Subkultur lebt. Was schreckt die Netties so ungeheuer auf, daß sie Clifford Stoll so runtermachen? Wird ihnen ein Spielzeug fortgenommen?
"Verzeihung, ich will kein Untergangsprediger sein. ... Aber die Segnungen des Mediums werden maßlos übertrieben", sagt Stoll. Er wendet sich gegen die maßlosen Versprechungen, die über Computernetze gemacht werden. "Alle scheinen sie vernünftig und begründet; ... (aber) ich behaupte, daß es sich bei diesen Hoffnungen um Mythen handelt ...".
Mythos 1: Informationen lassen sich ganz schnell, weltweit und billig austauschen. "In Wirklichkeit ist das Internet zur Geschäftszeit quälend langsam ... und mit Mosaicim WWW werden die Netze nur noch mehr verstopft. ... Ein handgeschriebener Brief ist nachweislich preiswerter, zuverlässiger und bei weitem eindrucksvoller. Mitunter sogar schneller." Bei den momentanen Wachstumsraten ist in kurzer Zeit ein Dauerstau angesagt. Und "ich habe etwa genausoviel Zeit damit verbracht, herauszufinden, was mit meinem Computer nicht stimmt, als ihn tatsächlich zu benutzen."
Mythos 2: Das Netz ist eine Gemeinschaft. "Das Internet soll ein guter Ort sein, um Leute zu treffen. Es soll eine Umgebung sein, in der man seine Schüchternheit überwinden lernt, andere mit ähnlichen Interessen findet und Freundschaften schließen kann". ... "Gewiß", sagt Stoll, "die öberflächlichen Beziehungen im Netz bringen zwar weniger Risiken mit sich als Gespräche von Angesicht zu Angesicht, aber es fehlt ihnen die Tiefe, die Verbindlichkeit und die üblichen Umgangsformen ... es fehlen Zugehörigkeit, Wärme und örtliche Geschichte. ... Elektronische Kommunikation ist ein momenthafter und illusionärer Kontakt, der ein Gefühl von Intimität schafft, ohne die emotionalen Investitionen zu verlangen, die zu enger Freundschaft führen."
Mythos 3: Das Netz bringt ein Comeback von Schreib- und Lesekultur. "Wer früher das Telefon benutzte, tippt heute E-Mail und sendet sie an Newsgroups ... in chat lines. ... Das Internet ... (wird regelrecht zu) einem Treibhaus zur Aufzucht schriftkundiger ... Nutzer ... und Computer-Konferenzen vermitteln einer ganzen Generation den Nutzen von Prosa ...". Jedoch, anstelle einer Renaissance von Schreib- und Lesekultur ... "strömen mir mittelmäßige Texte und halbdurchdachte Argumente ins Modem. E-Mail ... im Netz sind häufig frei von Grammatik, falsch geschrieben und stilistisch mangelhaft. ... Und da Leser oft Argumente überspringen, die mehr Platz als den Bildschirmausschnitt benötigen, werden komplizierte Sachverhalte auf elektronischen Konferenzen meistens vereinfacht. Das ermuntert zu kurzen, schlichten Fragen und entsprechend knappen Antworten. ... Durch Kauf eines Computers ist noch kein Student zu einem guten Autor (und Leser) geworden."
Mythos 4: Electronic publishing bietet jedem ein potentielles Millionenpublikum. "Netz-Junkies erzählen mir ganz aufgeregt", so Stoll, "daß der elektronische Selbstverlag Herausgeber, Lektoren und Redakteure überflüssig mache." ... Aber: "In Wirklichkeit verliert sich das Wertvolle im Firlefanz der Millionen ... Botschaften (im) Netz." Und Ordnung in dieses Chaos der 'Ramschkisten vor den Buchhandlungen' zu bringen, das ruft sofort Zensurvorwürfe hervor. "Mailing lists bieten einen schnellen Weg, Nachrichten loszuwerden, die niemals gelesen werden, weil die Mailboxen überfließen, ... und auch Netzzeitschriften haben bisher keine erstklassigen Schriftsteller angezogen. ... (Selbst) Forscher heben sich ihre besten Arbeiten für Zeitschriften- und Buchveröffentlichungen auf ...", denn dort gibt es Redakteure.
Mythos 5: Netze sind das Nonplusultra der Demokratie. Denn: "Alle Stimmen finden Gehör. Bytes kennen weder Rasse noch Geschlecht, Alter oder Religion. ... Am selben Tag können wir Ausschußberichte lesen ... und eine schnelle Reaktion auf unsere Rückfragen erhalten." Was aber ist die Wirklichkeit?, so fragt Stoll. "Jeder kann Botschaften ins Netz einspeisen. ... (Und) die daraus entstehende Kakophonie läßt jede sinnvolle Diskussion untergehen." Das Netz ist "eben ein großartiges Medium für Belanglosigkeiten ... aber nicht der Ort für begründete, vernünftige Urteile. Erstaunlich häufig enden Diskussionen ... in Verbitterung, Beleidigung und flames. ... Und anstelle von Legislaturperioden treten Rhythmen von Monaten, in denen über Regierungsprogramme (durch eine) höchst launische Wählerschaft entschieden wird."
Mythos 6: Im Netz ist das Weltwissen zu finden. Dazu wieder Stoll: Es ist nur eine "Datenwüste ... isolierter Fakten ... in der das Lernen zur Math-Blaster-Mentalität von Reiz und Reaktion pervertiert. ... Es überrascht mich, wie wenige sich über dieses nutzlose Hochglanz-Spielzeug lustig machen." Für Stoll ist eine bücherlose Bibliothek und eine kinder- und lehrerlose Schule ein Hirngespinst: "Halluzinationen netzsüchtiger Konvertiten." Clifford Stoll zitiert Al Gore, mit der Aussage: "Wenn wir die nötigen Datenautobahnen hätten, könnte sich jedes Schulkind nachmittags in die Kongreßbibliothek wählen und dort ein Universum des Wissens erforschen", um den Unsinn vom Weltwissen zu verdeutlichen. Stoll weiter: "Am Rande der Netze beginnt der Ausverkauf der Grundschulen und Gymnasien. Um dieser fixen Idee die Ehre zu erweisen, geben die Schulbehörden viel zuviel Geld aus, denn ... die kommunalen Bildungshaushalte reichen kaum für die Gehälter der Lehrer, für Bücher und Papier. ... Der Staat North Carolina gab sieben Millionen Dollar aus, um sechzehn Sekundarschulen mit einem Glasfasernetz auszustatten. ... Ich bitte um eine Hochrechnung auf die gesamte USA."
Viele weitere Hoffnungen, die gemeinhin mit dem Netz verbunden sind, werden durch Stoll aufgegriffen und in Frage gestellt. So zum Beispiel die, daß E-Mail und Netze unsere Arbeitsplätze effizienter machen. Für Stoll ist dies eine Anschlußlegende an die vom papierlosen Büro. Denn heute wird mehr Papier verbraucht, als vor der Einführung von Computern. Im weiteren wendet er sich gegen die Behauptungen, daß Netze (Computer) Werkzeuge zum Denken seien, daß Internetkaufhäuser den Handel verbessern und daß Bezahlungen per Netz unproblematisch seien. Er beschreibt auch, wie sich Unwahrheiten und logische Fehler im Netz vervielfältigen und welche Folgen damit verbunden sind.
Aufklärung ist also das zentrale Thema des Buches. Sicherlich gilt, daß das Buch in einem typisch amerikanischen Unterhaltungsstil geschrieben ist. So stimme ich den Kritikern des Buches zu, daß es kurrioserweise wie das Netz selbst ist: "Die intelligenten Argumente sind verborgen in einer Unmenge von unausgegorenen Ideen, Ad-hoc-Gedanken und mehr oder weniger spaßigen Exkursen"
Was sagt uns das Buch im Zusammenhang mit "Schulen ans Netz". Ganz sicher und eindeutig dies: Das Netz, so wie es ist, bringt nur ganz wenigen erstklassigen Lehrerinnen und Lehrern beim Moderieren des Lernens einen Vorteil. Für die meisten Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülerinnen und Schüler muß es im Netz ein geprüftes und verantwortetes System von Hypermedien geben, das Ordnung im Chaos schafft: den Bildungsserver Im Netz vorhandene Informationen sind auf Brauchbarkeit für den Fachunterricht in der Schule zu prüfen und zu kommentieren und Zensurvorwürfe in diesem Zusammenhang müssen wie bei der Schulbuchprüfung ertragen werden. Bei Arbeitsbereichen im Bildungsserver für das fachliche und überfachliche Lernen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen kann auf Herausgeber, Lektoren und Redakteure überhaupt nicht verzichtet werden. Die Ausstattung der Schulen ist zwar notwendig aber bei weitem nicht hinreichend, um der nachfolgenden Generation bei dem gewaltigen Schritt ins Informationszeitalter zu helfen. Das alles kostet viel Geld, doch darüber wird geschwiegen.
Das Buch Die Wüste Internet - Geisterfahrten auf der Datenautobahn ist bei S. Fischer 1996 in deutscher Fassung erschienen und kostet 38,00 DM.
Zum Verfasser
Willi van Lück ist Leiter der Beratungsstelle für Neue Technologien im Landesinstitut für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen in Soest.
Ein Internet-Projekt der Integrierten Gesamtschule Bonn-Beuel
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Stand: 29.03.1998 Hauptseite Bücherwurm Aktuelles