Die Nutzungspotentiale des Internet für schulisches Lernen und Lehren

Rainer Busch

aus: (Das Internet – ein Medium für vernetzte Bildung; aus "Pädagogische Führung", Heft 4/2000)

Das Internet als Lehr- und Lerninhalt
Um den Zugang zum Internet und deren Nutzung zu ermöglichen, ist eine informationstechnische Grundausbildung eine notwendige Voraussetzung. Diese Kompetenz kann im Schulfach Informatik erworben werden. Hierbei sind die Grundelemente der Informations- und Kommunikationstechnik zu vermitteln mit dem Ziel, Übersicht über die technischen Komponenten zu gewinnen, ihre Wirkungsweisen zu verstehen sowie die mediale Angebotsvielfalt von Hardware, Software und Dienstleistungen analysieren und einschätzen zu können. Intensive Erfahrungen im Umgang mit vernetzten Computern und ihrer Software sind unabdingbare Voraussetzungen, sich in der Medienwelt zurechtfinden zu können. Ein ungehinderter Zugang zu einem vernetzten Computer ist dabei zu gewährleisten.

Das Internet als Werkzeug im Unterricht
Das Internet bietet vielfältige Möglichkeiten Lehren und Lernen im Unterricht zu unterstützen. Durch einen schnellen und direkten Zugriff können über das Internet Lehr- und Lernmaterialien in digitaler Form bereitgestellt werden. Dabei eröffnet sich ein hohes Maß an Flexibilität bei der Gestaltung des Lernprozesses. Individuelle und gruppenbezogene Lernphasen können gezielt unterstützt werden. Nicht nur im schulischen Bereich erweisen sich diese Einsatzmöglichkeiten als hilfreich und nützlich. Auch im außerschulischen Bereich (so auch bei der Lehrerfortbildung) lassen sich nach gleichen Ansätzen Lernprozesse konzipieren. Diese methodisch-technologischen Konzeptionen sind wichtige Voraussetzungen für ein lebenslanges Lernen.

Neue Lehr- und Lernformen durch das Internet
Das Internet darauf beschränken zu wollen, als Werkzeug ergänzend zum traditionellen Unterricht einzusetzen, hieße, seine Nutzungspotentiale nicht auszuschöpfen. Der Zugriff auf multimediale Software, Datenbanken, Expertensysterne, Software für Simulationen und Planspiele sind Werkzeuge, die im Unterricht ein realitätsnahes Szenario erzeugen können zur aktiven, handlungsorientierten Lösung komplexer Probleme. Darüber hinaus bietet die Vernetzung (lokal oder global) die Möglichkeit, ein verteiltes System zu erfahren, das durch die Interaktionen der einzelnen Teilnehmer geprägt ist. Die Aktion der einzelnen Teilnehmer und ihre Auswirkungen auf das eigene Problemlösungsverhalten sind erfahrbare Merkmale eines kooperierenden Systems. Diese informationstechnischen Voraussetzungen gilt es für neue Lernpotentiale zu nutzen. Problemorientiertes, selbstgesteuertes und kooperatives Lernen sind Formen, die durch den Einsatz des Internet möglich sind. Abhängig von den pädagogischen Zielen können diese LehrLern-Formen mit unterschiedlicher Gewichtung in didaktisch-methodischen Konzeptionen berücksichtigt werden. Das Leitmotiv des problemorientierten Lernens ist es, Wissen in einem Problemumfeld zu erwerben, d. h. Wissen zu erfahren und damit das sog. "träge Wissen" zu reduzieren. Selbstgesteuertes Lernen bedingt die Selbstbestimmung bei der Zielsetzung und Gestaltung des individuellen Lernprozesses. Unter Nutzung kommunikationstechnischer Potentiale kann kooperatives Lernen konzipiert werden, so dass die immer wichtiger werdenden sozialen und kommunikativen Fertigkeiten sich entwickeln können. In diesem Kontext wird es erforderlich, neue Bewertungsmaßstäbe zu entwickeln zur Beurteilung der Lernergebnisse.

Mit den neuen Lehr-Lern-Formen wandelt sich auch die traditionelle Rolle des Lehrenden. Seine Aufgabe, Wissen zu vermitteln, wird sich reduzieren. Er wird moderierend und beratend die Lernprozesse begleiten und fallweise unterstützend eingreifen oder neue Lernimpulse setzen. Damit sind auch neue Konzepte für die Lehreraus- und fortbildung erforderlich. Weitere Informationen unter: http://www.schulweb.de/.

Integration des Internet in das Bildungswesen
Die systematische Integration der Informations- und Kommunikationstechnik in das Bildungswesen bedarf eines konsistenten Gesamtkonzeptes, das sich an medienpädagogischen Zielen orientiert. Es sind die Lehrerausbildung (Studium für das Lehramt, Referendarausbildung) für den gesamten Fächerkanon des Bildungswesens neu zu ordnen Lind Fortbildungsprogramme anzubieten, die Entwicklung von neuen Unterrichtskonzepten zu ermöglichen, Software mit spezifischer Funktionalität für den Bildungs- und Ausbildungsbereich und technische Infrastruktur bereitzustellen sowie deren Wartung und Pflege zu organisieren. Darüber hinaus sind Curriculum-Forschung, neue pädagogisch-didaktische Konzeptionen und Lehrpläne dringend erforderlich mit dein Ziel, das Bildungswesen systematisch und konsequent zu reformieren.
Die Zielvorstellung, das Internet als Werkzeug zur Gestaltung neuer Unterrichtsformen einzusetzen, beinhaltet nicht, den Unterricht technisieren oder authentisches Lernen durch virtuelles Lernen ersetzen zu wollen. Netzorientierter Unterricht muss als Bereicherung des Schulalltags verstanden werden - nicht im Sinne eines additiven Zusatzes zum tradierten Unterricht. Die Einführung des Internet muss mit einem systematischen Ansatz verbunden sein, ineffektive Unterrichtsformen reformieren zu wollen. Der Einsatz des Internet darf sich daher nicht auf das Pflichtfach Informatik beschränken. Es muss der gesamte Fächerkanon des Bildungswesens in den systematischen Wandel einbezogen werden, damit neue Formen des Unterrichts sowie didaktische und inhaltliche Kreativität möglich werden. Damit dürfte auch deutlich werden, dass ein netzorientierter Unterricht nicht mit Versenden und Empfangen von elektronischer Post (E-Mail) gleichzusetzen ist. Es kann allenfalls der Einstieg sein. Auch die Informationsbeschaffung über das Weh, wie z. B. für Unterrichtsmaterialien vom Bildungsserver (http://www.schulweb.de), schöpft die Nutzungspotentiale des Internet nicht aus. Das gesamte Spektrum der Internet-Dienste, von E-Mail bis Online Video-Konferenz), ist in die pädagogische und didaktische Überlegung einzubeziehen. Im Mittelpunkt steht das aktuelle Verwertungsinteresse von Informationen, der Erwerb von Sachkompetenz zur praxisorientierten Anwendung der Informations- und Kommunikationstechnologie sowie die Kommunikation über Netze zur Gestaltung telekooperativer Arbeit. Das Internet erweist sich als nützliches Medium, bei Kooperationsprozessen (synchron oder asynchron) in dezentralen Arbeitsumgebungen gemeinsame Informationsräume aufzubauen. Ein Werkzeug, das für kooperatives und kommunikatives Arbeiten im schulischen Bereich vielseitig genutzt werden kann - und auch schon genutzt wird, ist das von der GMD, Forschungszentrum Informationstechnik, entwickelte BSCW (Basic Support for Cooperative Work). Es wird Schulen kostenlos zur Verfügung gestellt (http://bscw.gmd.de).
Wichtige pädagogische Ziele können mit dem Internet erreicht werden: Durch den Einsatz vernetzter Computer können moderne Konzepte handlungsorientierten Unterrichts realisiert, den Schülern mehr Raum für Eigenaktivität gegeben sowie Schlüsselqualifikationen in (tele-)kooperativen Unterrichtsprojekten herausgebildet werden. Dabei sind interdisziplinäre Sichtweisen und die Experimentierfreudigkeit gezielt zu fördern.

Perspektiven eines virtuellen Bildungssystems
Innovation in Wirtschaft, Wirtschaft und Gesellschaft entsteht durch Innovation in Kultur und Bildung und umgekehrt. Das Bildungssystem steht damit vor der Aufgabe, diese innovativen Wechselbeziehungen in seiner Struktur abzubilden. Das Internet mit seinen Diensten bietet eine Plattform, in einer offenen Kommunikation diese wechselseitigen Einflüsse zu fordern, die verteilten Kompetenzen einzubinden und die Facetten des Bildungsprozesses schneller, gezielter und umfassender herauszubilden. In einem Netzwerk, in einem virtuellen Bildungssystem von Schule mit Hochschule und Forschung sowie mit Berufs- und Arbeitswelt können sich Kooperationen herausbilden, die ein gegenseitiges Verständnis der Aufgaben und Ziele fordern und zur Verbesserung und Bereicherung des Unterrichts in den allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen beitragen. Der intuitive Kontakt mit außerschulischen Institutionen ermöglicht eine frühe Erfahrung und fördert eine realitätsnahe Bildung und Ausbildung. Mit dieser virtuellen Nähe können sich die mentalen Keimzellen für Forschung, Nutzung von Technik und das Verständnis von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhängen genuin entwickeln. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse sowie Veränderungen in der Arbeits- und Berufswelt können unmittelbar in pädagogische Zielsetzungen einfließen. In der Forschung können Innovationszyklen entscheidend verkürzt werden, wenn Ergebnisse und Erkenntnisse unmittelbar in den Schulbereich transferiert und für den Unterricht aufbereitet werden. In gleicher Weise können im berufsbildenden Bereich auf Veränderungen oder neue Erkenntnisse effizient reagiert werden. Ein virtuelles Bildungssystem erfasst nicht nur die schulische sondern auch die außerschulische Bildung in allen Bereichen des Lebens.
Die technischen Voraussetzungen für ein virtuelles Bildungssystem sind die interne Vernetzung aller Fachund Klassenräume einer Schule mit ausreichender Anzahl von Computer-Arbeitsplätzen, eine Internet- oder Intranetverbindung mit einer Hochgeschwindigkeitsstandleitung zu anderen Bildungseinrichtungen, wie Bibliotheken, Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie organisatorische Rahmenbedingungen.
Dennoch muss deutlich werden, dass diese Ausstattung lediglich Voraussetzung für eine vernetzte Bildung ist, sich aber Bildung durch Bereitstellung dieser Technik nicht verändert und nicht verbessert. So hat auch die bisherige Praxis, die vorrangig darauf abzielt, ISDN-Anschlüsse und T-Online in die Schulen zu bringen, nicht dazu beigetragen, das Problem "Bildung und Internet" zu lösen. Orientierungspunkte einer vernetzten Bildung sind pädagogische, wissenschaftliche und berufliche Ziele, von denen adäquate didaktisch-methodische Konzeptionen abzuleiten sind unter Einbeziehung der Informations- und Kommunikationstechnologie. Es wird die wichtigste Aufgabe der nächsten Jahre sein, diese Orientierungspunkte zu entwickeln.

Ausblick
Mit der Zielvorstellung, eine vernetzte Bildung aufzubauen, soll nicht verkannt werden, welche Hemmnisse und Schwierigkeiten mit einer Umstellung verbunden und welche grundsätzlichen Barrieren zu überwinden sind, um den Anforderungen der Informationsgesellschaft gerecht werden zu können. Auch die Gefahren, wie z. B. Informationsflut, sind in die Betrachtung einzubeziehen. Nur eines dürfte deutlich werden: Die Gefahren sind in einer zukünftigen Welt ebenso offen wie die skizzierten Chancen, die sich aus einer sozio-kulturellen Integration des Internet herausbilden können. Wenn man aber wegen der potentiellen Risiken es nicht ausprobieren will, ob man die Chancen konstruktiv nutzen kann, wird man die Zukunft nicht gestalten können.
Betrachten wir daher das Internet als Chance, in allen Bereichen des Lebens wieder Neugier, Wissensdrang, Kreativität, Initiative, Freude am Fortschritt, an Veränderungen, Bereitschaft zum Verlassen eingefahrener Bahnen, Infragestellung herkömmlicher Denkschablonen und Arbeitsformen zu wecken - als Chance, neue kulturelle Horizonte zu entdecken und dabei innovativ und kritisch ein Stück Zukunft zu entwickeln.


Stand: 2000-12-08
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