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An der Gesamtschule Bonn-Beuel beurteilen Schülerinnen und Schüler, ob sie gut unterrichtet werden. Videos der Desi-Studie mit aufregenden Ergebnissen: Weniger reden wäre mehr
SCHULREFORM IN NRW FOLGE ZEHNDortmund. Lehrern
Noten geben: Wovon die meisten Kinder in NRW träumen, ist in der
Gesamtschule Bonn-Beuel bereits Alltag. Bis zu 32 Punkte umfassen die
Fragebögen, mit denen 1300 Schüler ihren 129 Lehrkräften mitteilen, was
sie von deren Arbeit halten. "Ich habe viel gelernt", können
Oberstufen-Schüler beurteilen oder: "Die Notengebung war
nachvollziehbar." Kleinere können sagen: "Die Lehrerin erklärt gut",
"Die Hausaufgaben kann ich gut bewältigen", "Ich werde oft genug
drangenommen". "Richtig", "teilweise richtig" bis "falsch" können
Schüler auch sagen zu: "Ich habe im Unterricht Angst, Fehler zu machen".
Auch Lehrkräfte machen Fehler, sind manchmal finster drauf oder haben
resigniert vor den Widrigkeiten des Alltags. Arbeitsfreude und
Effizienz des Unterrichts sind daher nicht gleichbleibend "sehr gut".
Was Martin Depenbrock, den Vorsitzenden der Landeselternschaft
Grundschulen in NRW, kürzlich fragen ließ: "Wer schützt eigentlich
unsere Kinder vor schlechtem Unterricht?" Die Antwort steht aus.
Dass Lehrkräfte (sehr) viel wissen über das Leben und über ihr Fach,
darf erwartet werden. Auch, dass sie sich Tag für Tag bemühen, ihr
Wissen in die Köpfe der Jungen und Mädchen zu pflanzen, die vor ihnen
sitzen. Dass dieses Vorhaben teilweise gründlich daneben geht, ist
nicht erst seit dem Pisa-Schock offenkundig. Erst langsam beginnt die
Ursachenforschung, wagen sich Schulen daran, ihre Arbeit und die
Ergebnisse ihrer Mühen nüchtern zu analysieren.
Manche aber stellen sich dem kritischen Blick von außen. Wie jene 105
Schulklassen, die sich im Rahmen der Studie "Deutsch und Englisch -
Schülerleistungen International" (Desi) beim Englisch-Unterricht filmen
ließen.
Die Video-Aufzeichnungen aus dem Schulalltag wurden akribisch
ausgewertet, schon erste Ergebnisse verblüfften nicht nur
Wissenschaftler wie Ernst Rösner vom Institut für
Schulentwicklungsforschung (IFS) an der Universität Dortmund. "Wir
sehen dabei Lehrerinnen und Lehrer, die sich vor der Kamera sicher
besonders viel Mühe gegeben haben, ihren Stoff zu vermitteln.
Tatsächlich aber dominieren sie den Unterricht, lassen ihre Schüler
kaum zu Wort kommen." Quer durch alle Schulformen, hat die
elektronische Statistik ergeben, sprechen Lehrkräfte mehr als doppelt
so lang wie ihre gesamte Schülerschar; im besten Fall blieb den
Schülern 71% der gemeinsamen Redezeit, im schlimmsten Fall zwölf
Prozent. Geduld gehört nicht zu den ausgeprägten Lehrertugenden: Bei
fast jeder zweiten Frage blieben den Schülern gerade drei Sekunden Zeit
für eine Antwort; die wenigsten (elf Prozent) hielten es aus, knapp
zehn Sekunden auf eine Schülerantwort zu warten. "Gleichzeitig ist die
Selbstwahrnehmung der Lehrkräfte eine ganz andere", so Rösner. "Da sagt
zum Beispiel einer der Klasse: Ihr habt jetzt eine Minute Zeit, um auf
die Frage xy eine Antwort zu finden. Sieben Sekunden später will er die
Antwort wissen." Video-Beweise wie dieser sind unerbittlich
aufschlussreich. "Es wäre großartig, diese Film-Sequenzen für die
Lehrerfortbildung einzusetzen. Dagegen steht aber leider der
Datenschutz", bedauert Rösner.
Nutzbar seien die ersten Erkenntnisse dennoch: "Es würde schon viel
helfen, wenn sich Lehrer gegenseitig im Unterricht beobachteten",
schlägt er vor. "Wenn der Kollege hinten sitzt und festhält: Was
passiert vorn? Wie viele Minuten einer Schulstunde redet der Lehrer?
Wie reagiert er auf Fehler? Und: Lässt er den Schülern die Zeit, ihre
Fehler selbst zu korrigieren?" Das eigene Tun vor der Klasse zu
überprüfen, sei ein erster Schritt, Unterricht spannender zu machen.
Die Schüler um ihr Urteil zu bitten, kostet ebenfalls kaum Zeit und Geld. Aber: viel Mut. 17.03.2006 Von Sigrid Krause |