Freitag, 17.03.2006

Noten für die Lehrer

An der Gesamtschule Bonn-Beuel beurteilen Schülerinnen und Schüler, ob sie gut unterrichtet werden.

Videos der Desi-Studie mit aufregenden Ergebnissen: Weniger reden wäre mehr

SCHULREFORM IN NRW FOLGE ZEHNDortmund. Lehrern Noten geben: Wovon die meisten Kinder in NRW träumen, ist in der Gesamtschule Bonn-Beuel bereits Alltag. Bis zu 32 Punkte umfassen die Fragebögen, mit denen 1300 Schüler ihren 129 Lehrkräften mitteilen, was sie von deren Arbeit halten. "Ich habe viel gelernt", können Oberstufen-Schüler beurteilen oder: "Die Notengebung war nachvollziehbar." Kleinere können sagen: "Die Lehrerin erklärt gut", "Die Hausaufgaben kann ich gut bewältigen", "Ich werde oft genug drangenommen". "Richtig", "teilweise richtig" bis "falsch" können Schüler auch sagen zu: "Ich habe im Unterricht Angst, Fehler zu machen".

Auch Lehrkräfte machen Fehler, sind manchmal finster drauf oder haben resigniert vor den Widrigkeiten des Alltags. Arbeitsfreude und Effizienz des Unterrichts sind daher nicht gleichbleibend "sehr gut". Was Martin Depenbrock, den Vorsitzenden der Landeselternschaft Grundschulen in NRW, kürzlich fragen ließ: "Wer schützt eigentlich unsere Kinder vor schlechtem Unterricht?" Die Antwort steht aus.

Dass Lehrkräfte (sehr) viel wissen über das Leben und über ihr Fach, darf erwartet werden. Auch, dass sie sich Tag für Tag bemühen, ihr Wissen in die Köpfe der Jungen und Mädchen zu pflanzen, die vor ihnen sitzen. Dass dieses Vorhaben teilweise gründlich daneben geht, ist nicht erst seit dem Pisa-Schock offenkundig. Erst langsam beginnt die Ursachenforschung, wagen sich Schulen daran, ihre Arbeit und die Ergebnisse ihrer Mühen nüchtern zu analysieren.

Manche aber stellen sich dem kritischen Blick von außen. Wie jene 105 Schulklassen, die sich im Rahmen der Studie "Deutsch und Englisch - Schülerleistungen International" (Desi) beim Englisch-Unterricht filmen ließen.

Die Video-Aufzeichnungen aus dem Schulalltag wurden akribisch ausgewertet, schon erste Ergebnisse verblüfften nicht nur Wissenschaftler wie Ernst Rösner vom Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) an der Universität Dortmund. "Wir sehen dabei Lehrerinnen und Lehrer, die sich vor der Kamera sicher besonders viel Mühe gegeben haben, ihren Stoff zu vermitteln. Tatsächlich aber dominieren sie den Unterricht, lassen ihre Schüler kaum zu Wort kommen." Quer durch alle Schulformen, hat die elektronische Statistik ergeben, sprechen Lehrkräfte mehr als doppelt so lang wie ihre gesamte Schülerschar; im besten Fall blieb den Schülern 71% der gemeinsamen Redezeit, im schlimmsten Fall zwölf Prozent. Geduld gehört nicht zu den ausgeprägten Lehrertugenden: Bei fast jeder zweiten Frage blieben den Schülern gerade drei Sekunden Zeit für eine Antwort; die wenigsten (elf Prozent) hielten es aus, knapp zehn Sekunden auf eine Schülerantwort zu warten. "Gleichzeitig ist die Selbstwahrnehmung der Lehrkräfte eine ganz andere", so Rösner. "Da sagt zum Beispiel einer der Klasse: Ihr habt jetzt eine Minute Zeit, um auf die Frage xy eine Antwort zu finden. Sieben Sekunden später will er die Antwort wissen." Video-Beweise wie dieser sind unerbittlich aufschlussreich. "Es wäre großartig, diese Film-Sequenzen für die Lehrerfortbildung einzusetzen. Dagegen steht aber leider der Datenschutz", bedauert Rösner.

Nutzbar seien die ersten Erkenntnisse dennoch: "Es würde schon viel helfen, wenn sich Lehrer gegenseitig im Unterricht beobachteten", schlägt er vor. "Wenn der Kollege hinten sitzt und festhält: Was passiert vorn? Wie viele Minuten einer Schulstunde redet der Lehrer? Wie reagiert er auf Fehler? Und: Lässt er den Schülern die Zeit, ihre Fehler selbst zu korrigieren?" Das eigene Tun vor der Klasse zu überprüfen, sei ein erster Schritt, Unterricht spannender zu machen.

Die Schüler um ihr Urteil zu bitten, kostet ebenfalls kaum Zeit und Geld. Aber: viel Mut.

17.03.2006    Von Sigrid Krause

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