Warschau

Adam-Mickiewicz-Lyceum

(Bericht über den vorangegangenen Schüleraustausch 1998.)

"Ich und meine/deine Stadt in Europa – Dokumentation in Fotos, Bildern, Zeichnungen und Texten"

Bericht über das Projekt der Schülerinnen und Schüler des Adama Mickiewicza Gymnasiums in Warschau und der Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Bonn-Beuel in Bonn und Warschau im Jahr 2000.

Der Schüleraustausch zwischen unseren beiden Schulen fand in diesem Jahr zum 5. Mal statt. Es ist auch dieses Mal wieder zu einem außerordentlich intensiven und erfolgreichen Austausch zwischen den beiden aus 16-18jährigen Jugendlichen bestehenden Gruppen gekommen. Besonders auf deutscher Seite ist immer wieder ein Erstaunen über die Offenheit und Gastfreundschaft, mit der die polnischen Familien ihre Gäste empfangen, zu spüren. Eine deutsche Schülerin äußerte ihr Erstaunen über das sehr positive Verhalten auch der älteren Generation gegenüber ihr als Deutsche vor dem Hintergrund unserer Geschichte, gleichzeitig war sie beeindruckt von dem Wiederaufbau und der Atmosphäre der Altstadt Warschaus.

Diese Erfahrung ist äußerst wichtig vor dem Hintergrund des in den Medien nicht immer besonders positiv gezeichneten Polenbildes. Auf polnischer Seite herrscht insbesondere bei den Jugendlichen ein positives Deutschlandbild vor. Dies bezieht sich in erster Linie auf den wirtschaftlichen Erfolg unseres Landes. So meinte ein Schüler, in Deutschland sei alles so ordentlich und es funktioniere alles, er wünsche sich, dass Polen da auch bald hinkomme.

Vieles von dem, was Jugendliche während eines Schüleraustausches erleben, bleibt uns Begleitern oft verschlossen, es ist sozusagen der inoffizielle Teil der Begegnung; er scheint fast der wichtigere zu sein. Es sind die gemeinsame Musik, die man hört, der gemeinsame Einkaufsbummel oder auch lange Diskussionen und Kartenspiele. Es finden sich schnell die Schülerinnen und Schüler mit ähnlichen Interessen zusammen.

In Bonn und Warschau standen, durchaus in Ergänzung zum Projektthema, verschiedene Stätten zur Besichtigung an. Neben Stadtführungen in beiden Städten war es z.B. in Warschau die Besichtigung des polnische Parlaments, bei der wir vieles über die neuere Geschichte und Politik Polens erfuhren. Auf unseren Wunsch hin besuchten das Mahnmal im ehemaligen Warschauer Ghetto und legten dort Blumen nieder. Für viele Schüler war die Besichtigung Krakaus einfach zu kurz, diese Stadt beeindruckte sie sowohl durch ihre Architektur und Geschichte als auch durch die Lebendigkeit. Der Besuch des Konzentrationslagers Auschwitz war für die meisten Schülerinnen und Schüler ein erschütterndes Erlebnis, das trotz guter Vorbereitung im Unterricht, fast alle Schüler hatten im Deutschunterricht der 10. Klasse "Lügen in Zeiten des Krieges" von Louis Begley gelesen, einer intensiven Nachbereitung bedurfte. Für die Schülerinnen und Schüler gehörte dieser Programmpunkt zu der wichtigsten Erfahrung, die sie während ihres Polen-Aufenthalts machten, doch er überlagerte nicht die Erfahrungen, die die Jugendlichen im heutigen Polen machten.

In den Vorgesprächen mit unseren polnischen Partnern hatten wir uns im Zusammenhang mit der Antragstellung bei der Robert Bosch Stiftung in diesem Jahr auf einen besonderen Schwerpunkt für die gemeinsame Projektarbeit geeinigt. Es ging unter dem o.g. Projekttitel um das Leben und Arbeiten im gemeinsamen Europa. Aufzuzeigen war z.B., wie man die Freizeit verbringt, wo man sich in seiner eigenen Stadt gerne aufhält. Diese Plätze galt es gemeinsam mit den Partnern zu erkunden, zu fotografieren und zu beschreiben. Ein anderer Schwerpunkt lag auf dem Schreiben von Zukunftsperspektiven, hierbei sollte das berufliche und private Leben berücksichtigt werden. Dazu wurden Betriebsbesichtigungen gemacht, wobei es in Bonn einfacher war genügend Betriebe zu finden. Dort hatten die Jugendlichen die Auswahl unter sieben Einrichtungen, während in Warschau durch die Vermittlung von Eltern ein Fernsehsender und eine Filmproduktionsfirma besichtigt werden konnten. Die Jugendlichen erarbeiteten Fragebögen zur Betriebserkundung. Die Ergebnisse dieser Erkundungen fassten sie im Anschluss an den Besuch zu einem gemeinsamen Bericht zusammen. Bei diesen Betriebsbesichtigungen kam es zu sehr intensiven Gesprächen mit den Vertretern der Firmen und der öffentlichen Einrichtungen. Diese Aufgaben wurden von den Schülern völlig selbstständig gelöst, sie arbeiteten in polnisch-deutsch gemischten Kleingruppen.

Sowohl in Polen wie in Deutschland reagierten alle Institutionen, mit denen wir zu tun hatten, und die stets auf die Förderung durch die Robert Bosch Stiftung hingewiesen wurden, positiv auf unsere gemeinsamen Vorhaben.

In diesem Zusammenhang soll erwähnt werden, dass eine Referentin, die über deutsch-polnische Begegnungen im Bonner Raum Untersuchungen im Rahmen eines Volkshochschulprojekts macht, die Schüler ausführlich interviewte und eine Fragebogenaktion durchführte. Die Ergebnisse zeigen eine große übereinstimmung der Erwartungen an den Schüleraustausch und den tatsächlich gemachten Erfahrungen: es zeigte sich eine große Zufriedenheit auf beiden Seiten.

In der Vorbereitung des Austauschs haben sich die deutschen Schüler insbesondere mit der Aufnahme Polens in die EU beschäftigt. Dazu informierte uns ein Schülervater, der auf diesem Fachgebiet für die Friedrich Ebert-Stiftung arbeitet. Die Schüler bemühten sich, die sehr schwierigen wirtschaftlichen Zusammenhänge zu verstehen. Ein kleiner polnischer Sprachkurs und der Besuch eines polnischen Restaurants in Köln ergänzten die Vorbereitungen auf unserer Seite.

Zur Kommunikation der Schülerinnen und Schüler in ihren Gastfamilien konnten wir erneut feststellen, dass viele Gasteltern deutsch bzw. englisch sprachen. Unter den Jugendlichen verständigte man sich meist auf englisch, allerdings sprachen auch etliche polnische Schüler gut deutsch. Zwei unserer deutschen Schüler konnten sich mündlich auf polnisch verständigen, da ihre Eltern aus Polen stammen.

Wir gehen davon aus, dass die lange Zusammenarbeit zu unserer polnischen Partnerschule eine Zukunft haben wird; ein jährlicher Austausch ist dabei sicher wünschenswert. Die Zusammenarbeit mit der polnischen Partnerschule erscheint uns für die Zukunft besonders vor dem Hintergrund der Osterweiterung der EU äußerst wichtig. Allgemeine Vorbehalte gegenüber Osteuropa, insbesondere auch gegenüber Polen lassen sich nur durch die persönliche Erfahrung abbauen; der eiserne Vorhang durch Europa, die Vorurteile in den Köpfen der Menschen, teilweise durch die Medien verstärkt, bedürfen solcher Maßnahmen. Die Erfahrung, dass etliche der an dem Austausch beteiligten Schülerinnen und Schüler weiterhin in Kontakt bleiben und sich gegenseitig besuchen, zeigt, dass wir einen richtigen Weg gehen.

Wir danken der Robert Bosch Stiftung für ihre Unterstützung.


Stand: 08.10.2000
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